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Unter Schiltwald: Seltene Auenlandschaft über Emmens Grundwasser

24. Mai 2026
Die Gemeinde Emmen beheimatet ein seltenes Naturjuwel: Der Unter Schiltwald gilt als Auengebiet von nationaler Bedeutung. Ein Blick auf seine besondere Vielfalt, seine Herausforderungen und die Menschen, die ihn pflegen und schützen.

Wo Wasser ist, ist Leben. Und Wasser gibt es in Emmen viel. Die Gemeinde liegt über einem der grössten Grundwasservorkommen im Kanton Luzern. Reuss und Kleine Emme speisen durchlässige Böden, die das Wasser wie ein natürlicher Speicher aufnehmen und weiterleiten. Das Grundwasser liegt oft nur wenige Meter unter der Oberfläche. Das gute Emmer Wasser versorgt nicht nur uns Menschen mit Trinkwasser, sondern prägt auch ein besonders wertvolles Ökosystem.

Direkt hinter der Industrie beim Ortsteil Waldibrücke liegt der Eingang zu einem wahren Juwel der Natur: dem Auenwald. Im Kanton Luzern gibt es nur fünf Auengebiete von nationaler Bedeutung. «Die anderen liegen im Entlebuch und sind eher voralpin geprägt», erklärt Peter Kull. Er ist Fachspezialist Arten und Lebensräume bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern (Lawa) und ergänzt: «Der Unter Schiltwald ist der einzige dieser Art in der Luzerner Agglomeration.» Mitten hindurch fliesst der Rotbach, der das Gebiet prägt und ihm seine Struktur verleiht.

Wasser bringt biologische Vielfalt 
Typisch für einen Auenwald ist seine Dynamik. Periodische Überschwemmungen lagern Kies ab, formen neue Ufer und schaffen ständig neue Lebensräume. Es entstehen Pionierflächen, auf denen sich eine aussergewöhnliche Vielfalt entwickelt. Im Unter Schiltwald sind solche natürlichen Überflutungen heute selten geworden, doch das hohe Grundwasser beeinflusst die Prozesse weiterhin. Der Auenwald bleibt ein wertvoller Rückzugsort für Arten wie Eisvogel, Gelbbauchunke oder Ringelnatter.

«Wer genau hinschaut, kann hier Natur in ihrer ursprünglichen Dynamik erleben», sagt Kull und lädt dazu ein, den Wald als Naherholungsgebiet zu nutzen, «aber bitte auf den Wegen bleiben». Denn der Druck auf das Gebiet ist gross. Indus­trie, Strassen und Siedlungen reichen bis nahe an den Waldrand. «Eine mögliche Massnahme wäre manchmal auch: nichts tun», so Kull. «Gerade im Auenwald ist es wichtig, die Natur sich selbst zu überlassen. Doch genau das fällt uns Menschen zunehmend schwer.» Denn die Interessen sind vielfältig: Siedlungsentwicklung, Verkehr und wirtschaftliche Nutzung treffen hier direkt auf ein sensibles Ökosystem. Der Mensch schützt sich vor Hochwasser, reguliert Gewässer und entwässert Böden: Massnahmen, die für uns wichtig sind, die natürliche Dynamik eines Auenwaldes jedoch einschränken. Gerade diese Dynamik wäre aber entscheidend für seine langfristige Gesundheit. 

Spuren der natürlichen Prozesse sind sichtbar: angenagte Bäume, kleine Dämme im Wasser, der Biber ist zurück. Für Miriam Peretti, Projektleiterin und Fachmitarbeiterin bei Pro Natura, ist das ein Glücksfall: «Der Biber bringt Dynamik in den Wald zurück.» Seine Bautätigkeit führt zu kleinen Überschwemmungen und schafft neue Lebensräume. Gemeinsam mit Freiwilligen und mit Unterstützung des Kantons engagiert sich Peretti auch aktiv für die Artenvielfalt. «Wir haben in diesem Relikt-Lebensraum mehrere Tümpel für die Gelbbauchunke und andere Amphibien geschaffen.» Und sie ergänzt: «Die Emmerinnen und Emmer können stolz sein, ein solches Gebiet vor der Haustür zu haben.»

Doch manche Aufwertungen bringen auch neue Herausforderungen mit sich: Auflichtungen und Tümpel werden schnell von gebietsfremde Pflanzen (Neophyten) besiedelt. Diese können den neu entstandenen Lebensraum schneller erobern und verdrängen so einheimischen Arten. Umso wichtiger ist das Engagement vor Ort. Dieses wird auch von Freiwilligen getragen. Eine von ihnen ist Brigitte Klement, die ­regelmässig im Unter Schiltwald mitarbeitet: «Das ist ein wirklich sehr schönes Gebiet hier, und es ist schade, wenn sich fremde Pflanzen wie die Goldrute oder der Knöterich immer weiter ausbreiten und das Ökosystem durcheinanderbringen.» Es gehe darum, die Tümpel für einheimische Arten frei zu halten und dranzubleiben: «Bei der Neophytenbekämpfung braucht es Kontinuität.» Gemeinsam mit anderen Engagierten ist sie deshalb regelmässig im Einsatz und beobachtet die Entwicklung des Gebiets.

«Die Emmerinnen und Emmer können stolz sein, ein solches Gebiet vor der Haustür zu haben.»

Miriam Peretti, Pro Natura

Artenschutz zur Erhaltung des Ökosystems
Auch Förster Matthias Meiwes weiss um die Besonderheit des Gebiets. «Der Unter Schiltwald ist gut besucht von Erholungssuchenden, und das ist auch richtig so.» Eine Herausforderung sei die Vielzahl an privaten Waldbesitzern. «Eigentumsrechte sind wichtig, aber gleichzeitig verlangt unsere Arbeit ein ganzheitliches Denken.» Pflegeeingriffe erfolgen gezielt, um die ökologische Vielfalt zu fördern. Gerade bei den Baumarten sieht er noch Potenzial: Aktuell ist die Fichte stark vertreten, langfristig wünscht er sich die Entwicklung eines standortgerechten Auen-Mischwaldes mit verschiedenen Arten wie Ulmen, Eichen oder Ahorn, die besser mit den wechselnden Wasserständen umgehen können. Und er erinnert an die Dimension des Verlusts: «Seit 1850 sind rund 90 Prozent der Auengebiete verschwunden.»

Wie eng alles zusammenhängt, erklärt er in einem Beispiel: «Hochwasser unterspült Biberhöhlen, Ufer brechen ab. Die entstandenen Steilufer eröffnen ideale Brutplätze für den Eisvogel. Durch umgestürzte Bäume entstehen Totholzstrukturen, die Insekten Lebensraum bieten. Diese wiederum dienen als Nahrung für Vögel und Amphibien. Artenschutz bedeutet daher immer auch Schutz eines ganzen Netzwerks und letztlich unserer eigenen Lebensgrundlage.»

Der Eisvogel, mit seinem leuchtenden Gefieder Symbol für intakte Gewässer, ist auch im Auenwald im Unter Schiltwald in Emmen heimisch. (Bild: zvg)

 

«Artenschutz bedeutet immer auch den Schutz ganzer Ökosysteme – und letztlich der Lebensgrundlage des Menschen.»

Matthias Meiwes


Schillerndes Symbol für intakte Gewässer
Der Eisvogel steht sinnbildlich dafür: Mit seinem leuchtenden Blau-Orange wurde er von BirdLife Schweiz zum Vogel des Jahres 2026 ernannt. Er braucht klare Gewässer und ungestörte Ufer. Sein Vorkommen zeigt, dass ein Ökosystem funktioniert, und macht gleichzeitig deutlich, wie verletzlich dieses Gleichgewicht ist.

Den blitzschnellen Meisterfischer im Unter Schiltwald schon gesichtet hat Pascal ­Rohner. Er ist Mitglied der Umwelt- und Naturschutzkommission Emmen und dem Auenwald seit seiner Kindheit eng verbunden. Für ihn ist der Unter Schiltwald ein Ort der Erholung und Beobachtung, in erster Linie aber Naturraum. «Ich schätze es sehr, hier die Natur zu erleben», sagt er. Gleichzeitig stellt er fest, dass sich das Gebiet in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat – nicht zuletzt durch die fehlende Pufferzone zur umliegenden Nutzung. Umso wichtiger sei es, jetzt zu handeln: «Ich wünsche mir, dass auch künftige Generationen diesen faszinierenden Lebensraum mit seiner grossen Artenvielfalt erleben können.» Aus Sicht des Naturschutzes bleibt die Herausforderung bestehen, den Unter Schiltwald als Naherholungsgebiet zugänglich zu halten und gleichzeitig seinen Wert als einzigartigen Lebensraum langfristig zu sichern.

Fünf Personen im Wald.
Ein gemeinsames Ziel: den Auenwald im Unter Schiltwald bewahren. Brigitte Klement, Peter Kull, Pascal Rohner, Miriam Peretti und Matthias Meiwes (v.l.) setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven für dieses seltene Naturgebiet in Emmen ein. (Bilder: pbi)