Gemeinde Emmen
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Im Bienenhaus in Wahlingen bei Rothenburg ist Severin Elvedi in seinem Element. Routiniert öffnet er einen der Kästen und zieht eine Wabe heraus. Seit 2010 imkert er, während fast zehn Jahren bildete er auch andere Imker aus. Am 15. September 2026 leitet er erstmals als Präsident eine Sitzung des Emmer Einwohnerrats – ein Jahr früher als vorgesehen.
Severin Elvedi, eigentlich hätten Sie zunächst ein Jahr als Vizepräsident absolvieren sollen. Wie haben Sie die kurzfristige Verschiebung erlebt?
Ganz unerwartet kam die Möglichkeit nicht. Als sich abzeichnete, dass Hans Schmied das Amt vielleicht nicht übernehmen kann, kam die FDP früh auf uns zu. Trotzdem hatten wir gehofft, dass Hans sein Präsidialjahr absolvieren kann. Als ich ihn zuletzt sah, war er noch optimistisch und freute sich auf das gemeinsame Jahr. Entsprechend überraschend war die Anfrage dann schon. Mein erster Gedanke war, dass mir dann das Vizejahr fehlt. Als feststand, dass Hans das Amt nicht übernehmen kann, war für uns aber klar: Dann springen wir in die Bresche. Zu Hause und im Geschäft konnte ich die nötigen Absprachen dann schnell treffen.
Fehlt Ihnen dieses Vizepräsidialjahr nun als Vorbereitung?
Ich bin jetzt im dritten Jahr im Einwohnerrat und Mitglied der Bau- und Verkehrskommission. Ich kenne den Ratsbetrieb und die Abläufe. Mit null Erfahrung würde ich das nicht machen. Zudem habe ich mich mit den vorangegangenen Ratspräsidenten Simon Oehen (SP) und Daniel Diltz (Mitte) ausgetauscht. Bevor ich eine neue Aufgabe übernehme, versuche ich, möglichst genau herauszufinden, worauf ich mich einlasse.
Als Präsident werden Sie dem gesamten Rat vorstehen. Wie leicht fällt Ihnen der Wechsel in diese neutrale Rolle?
Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man sich dieses Rollenwechsels bewusst ist. Ich respektiere andere Meinungen und würde mich als konsensorientiert bezeichnen. Deshalb glaube ich, dass mir die neutrale Rolle gut liegt. Solange Diskussionen sachlich bleiben, dürfen sie auch kontrovers oder hitzig sein. Wenn es aber gegen einzelne Personen oder Gruppen geht, werde ich eingreifen. Bei einem Stichentscheid würde ich situativ entscheiden. Das gehört zu dieser Aufgabe ebenfalls dazu.
Wann würden Sie Ende Juni 2027 sagen: Das war ein gelungenes Präsidialjahr?
Wenn der Ratsbetrieb reibungslos funktioniert und es keine grösseren Probleme gibt. Das heisst aber nicht, dass es keine kontroversen Diskussionen geben darf – im Gegenteil. Wenn das gelingt, wäre für mich schon viel erreicht.
In Ihrer Wahlrede haben Sie den Einwohnerrat mit einem Bienenvolk verglichen. Politik lebt aber von unterschiedlichen Interessen. Wie weit trägt dieser Vergleich?
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn im politischen Betrieb alle so an einem Strang ziehen würden wie ein Bienenvolk. Aber auch dort gibt es verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben. Genauso braucht es in der Politik unterschiedliche Positionen. Entscheidend ist, dass das Wohl der Gemeinde im Zentrum steht. Man kann nicht immer gewinnen. Wenn unter dem Strich aber etwas Gutes für die Bevölkerung herauskommt, haben wir unseren Job gemacht.
Sie imkern seit 2010 und betreuen heute 16 Bienenvölker. Was haben Sie dabei gelernt, das Ihnen auch im Beruf oder in der Politik hilft?
Mir wurde einmal etwas mitgegeben, das mich seither begleitet: Du kannst noch so viel planen – am Schluss sagt dir die Natur, wo es langgeht. Man muss wissen, was wann ansteht, aber auch den Mut haben, zu sagen: Stopp, jetzt ist noch nicht der richtige Zeitpunkt. Ein Projekt darf auch einmal verschoben werden. Lieber nochmals über die Bücher gehen und später mit einer guten Lösung kommen, als etwas zu erzwingen.
Ein zweiter Punkt ist das Beobachten. Als Kind geht man mit offenen Augen durch die Welt, als Erwachsener verliert man das oftmals. Durch die Imkerei habe ich mir einen Teil davon zurückgeholt. Durch Beobachten kann man viel erfahren und herausspüren.
Offen sein, sich Zeit nehmen und neue Zusammenhänge entdecken – das finde ich enorm wertvoll.
Beruflich arbeiten Sie als Bauherrenvertreter und bringen unterschiedliche Fachleute und Interessen an einen Tisch. Was davon lässt sich auf die Politik übertragen?
Als Bauherrenvertreter bin ich Generalist. Ich muss dafür sorgen, dass ein Projekt vorankommt, während Fachspezialisten ihre Sichtweisen einbringen. Dann geht es darum, wo jemand nachgeben kann, damit das Ganze funktioniert. Gleichzeitig braucht auch ein Generalist eine klare Meinung: Wo geht das Projekt hin, was ist das Ziel? In der Politik ist das ähnlich, nur vielfältiger. Manchmal lohnt es sich, bewusst die konträre Seite anzuschauen. Vielleicht sieht der Berg von der anderen Seite ganz anders aus – und ist von dort sogar leichter zu erklimmen.
Emmen wächst, muss investieren und gleichzeitig seine Finanzen im Griff behalten. Wo stehen die schwierigsten Entscheidungen an?
Wir müssen so entscheiden, dass unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder später noch eine intakte Gemeinde vorfinden. Wir können uns nicht komplett übernehmen und ihnen einen riesigen Schuldenberg hinterlassen. Nichts zu machen ist aber ebenso wenig eine Option, weil sonst ein Investitionsstau entsteht. Es braucht die Balance zwischen dem Notwendigen und dem Wünschbaren. Wir brauchen Infrastruktur wie Schulhäuser oder Strassen, die funktioniert.
Sie stammen aus dem Bündnerland. Wie sind Sie in Emmen gelandet – und wann wurde daraus Heimat?
Ich war beruflich schon früh weg von zu Hause. Zuerst arbeitete ich bei der Post und landete in Zürich. Später ging ich zurück ins Bündnerland, wechselte den Beruf und machte eine Lehre als Zeichner. Schliesslich bin ich – auch wegen der Liebe – wieder im Unterland gelandet. Emmen war der Lebensmittelpunkt meiner Frau, und wir entschieden uns, hier unsere Familie zu gründen. Gerade über die Kinder wird man stärker in eine Gemeinde integriert. So ist mir Emmen über die Jahre sehr ans Herz gewachsen und heute ganz klar Heimat.
Was hat Sie an Emmen besonders überzeugt – und was sollte die Gemeinde bei ihrer weiteren Entwicklung bewahren?
Emmen bietet deutlich mehr, als viele denken. Ich mag diese Mischung: urban und gleichzeitig ländlich, kulturell vielfältig und schnell in der Natur. Dazu kommen ruhige Wohnquartiere und eine grosse Vielfalt an Vereinen. Wichtig sind mir auch die kleinen Erholungsinseln mitten im Siedlungsgebiet, etwa Waldstücke oder Grünräume wie der Mooshüsli-Park. Auch die Viscosistadt zeigt, wie Bestehendes weitergenutzt, erneuert und klug ergänzt werden kann. Emmen darf urbaner werden, aber wir dürfen das Grüne nie verlieren.
Beruf, Politik, Präsidium und 16 Bienenvölker: Wo können Sie selbst einmal abschalten?
Beim Imkern. Das ist für mich Abschalten pur, aktive Erholung. Oder ich setze mich aufs Mountainbike und fahre auf einen Berg – natürlich ohne Unterstützung (lacht).
Welche Seite Emmens möchten Sie während Ihres Präsidialjahrs noch besser kennenlernen?
Ich möchte so viele Anlässe und Veranstaltungen wie möglich besuchen, das vielfältige Vereinsleben und vor allem die Menschen dahinter kennenlernen. Ich wohne zwar schon lange in Emmen, habe aber nicht denselben Bezug wie jemand, der hier aufgewachsen ist. Das Präsidialjahr sehe ich deshalb als Chance, auch Dinge kennenzulernen, die für mich bisher nicht alltäglich waren. Auf diese Begegnungen freue ich mich sehr.