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Textildesignerinnen revolutionieren Solaranlagen

17. Januar 2026
Schwarze Solarmodule sind effizient, aber wegen ihrer Ästhetik oft unbeliebt. Unifarbene Varianten bringen Leistungsverluste mit sich. Designerinnen aus der Textilbranche haben nun eine innovative Lösung gefunden. Ausgerechnet in Emmen, einem Ort mit industrieller Textilgeschichte, ist aus einem Hochschulprojekt ein Unternehmen entstanden, das weit über die Gemeindegrenzen hinaus Beachtung findet.

Elegant fügen sich die Module in die Dachstruktur ein, beinahe selbstverständlich, als wären sie schon immer Teil davon gewesen. Keine schwarzen Platten, keine harten Kontraste. Stattdessen Farben, Strukturen und eine Materialität, die an Ziegel erinnert. Es ist das Ergebnis jahrelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit von Tina Moor und Brigitt Egloff. Die beiden Textildesignerinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Photovoltaik neu zu denken: nicht nur technisch, sondern vor allem gestalterisch.

Der gestalterische Auslöser
Der Anstoss kam aus einem weit verbreiteten Problem. Standardisierte schwarze Solarmodule gelten zwar als effizient, stossen jedoch in der Praxis häufig auf Widerstand. Gerade bei Fassaden, in historischen Ortskernen oder in dicht bebauten Quartieren werden sie von Nachbarn, Denkmalpflegen oder Architektinnen und Architekten als störend empfunden. «Der Anspruch der Energiewende ist klar: Photovoltaik soll überall möglich sein», erklärt Brigitt Egloff. «Doch dafür braucht es Lösungen, die auch ästhetisch überzeugen.»

Bereits 2015 wurden Moor und Egloff von der Hochschule Luzern – Technik & Architektur erstmals angefragt, gestalterische Inputs zur Photovoltaik zu liefern. Die Idee, Designmethoden aus dem Textilbereich auf Solarmodule zu übertragen, begann zu reifen. «Im Textildesign arbeiten wir seit jeher mit Einschränkungen», sagt Tina Moor.

«Farben entstehen durch Mischungen, Rasterungen und optische Effekte. Genau dieses Wissen können wir auf die Photovoltaik anwenden.»

Tina Moor
Mock-ups in Basel: Aus der Distanz wirken die farbigen Solarmodule wie Ziegel. (Bild: zvg)


Farbenvielfalt ohne Effizienzverlust
Der zentrale Durchbruch gelang mit einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Statt jede gewünschte Farbe einzeln aufzudrucken – was zwangsläufig zu unterschiedlichen Leistungsverlusten führt – arbeiten die Designerinnen mit lediglich sechs exakt gemessenen Grundfarben mit definiertem Energieverlust. Diese werden in unterschiedlichen Rasterungen kombiniert. Aus der Distanz entsteht so eine optische Mischfarbe, die wie ein eigener Farbton wirkt. Technisch jedoch bleibt die Energieleistung konstant.

Auf diese Weise lassen sich Hunderte von Farbtönen erzeugen, alle mit identischem Ertrag. «Das ist der entscheidende Unterschied zu bestehenden farbigen Solarmodulen», betont Moor. «Bei bisher bekannten Lösungen hat jede Farbe technisch eine andere Energieleistung. Daher lassen sich diese Farben auch nicht miteinander kombinieren. Zudem passen sich unsere Module durch die Rasterung noch besser an unterschiedliche Baumaterialien von Dächern und Fassaden an. »

Wie vielfältig die Technologie eingesetzt werden kann, zeigt eine Installation mitten in der Gemeinde Emmen: An der Fassade der Firma Monosuisse in der Viscosistadt hängt seit einigen Monaten eine rund zehn Quadratmeter grosse Demowand. Sie zeigt einen Ausschnitt der möglichen Farbpalette und macht die Technologie für die Öffentlichkeit erlebbar. «Wir können Interessierte hierherschicken und sagen: Schauen Sie es sich an – so wirkt es», sagt Egloff.

Design als Türöffner der Energiewende
Die Designerinnen führten zahlreiche Interviews mit Architekturbüros, Herstellern und Planenden. Schnell bestätigte sich: Das technische Interesse an Photovoltaik ist vorhanden, doch die Akzeptanz leidet oft an der Gestaltung. «Viele Architektinnen verbauen Solaranlagen nicht gerne sichtbar», so Egloff. «Schwarze Platten und Fugen sind gestalterisch zu wenig flexibel.»

Das Forschungsprojekt «Solar Design Tool», das vor etwas mehr als zwei Jahren startete, setzte genau hier an. Interdisziplinär arbeiteten Designerinnen, Techniker und Industriepartner zusammen. Unterstützt wurde das Projekt unter anderem von der Hochschule Luzern - Design Film Kunst sowie von den Firmen Sunage, BE Netz und Plan-E. Alle Farben wurden wissenschaftlich gemessen, unter anderem im akkreditierten Labor der Fachhochschule SUPSI im Tessin.

Die Nähe zur Praxis zahlte sich aus. In konkreten Fallstudien, etwa beim denkmalgeschützten Hotel Drei Könige in Luzern oder bei einem Projekt in Basel, konnten reale Herausforderungen bearbeitet werden. «Wenn man konkrete Objekte hat, lernt man enorm viel», sagt Moor. «In kürzester Zeit ist klar, was geht, was nicht möglich ist, je nach Dachziegel, Fassade oder behördlichen Vorgaben.»

Von der Forschung zur Firmengründung
Gegen Ende des Forschungsprojekts wurde klar: Der Bedarf am Markt ist real. Gleichzeitig fehlte eine Stelle, die sich explizit um die gestalterische Dimension von Photovoltaik kümmert. «Architekten arbeiten mit Farbpaletten von Tausenden Nuancen», erklärt Moor. «Bei Solaranlagen existierte dieser Gestaltungsspielraum bisher kaum.»

Aus dieser Lücke heraus entstand die Studio Verticol GmbHExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet. mit Sitz in Emmen als Spin-off der Hochschule Luzern. Gemeinsam mit den beiden jüngeren Kolleginnen Clara Sollberger und Florence Schöb führen Moor und Egloff das Unternehmen, das sich bewusst Zeit für eine nachhaltige Entwicklung nimmt. «Bauprojekte sind langfristig», sagt Egloff. «Das ist etwas anderes als eine Textildesign-Kollektion.»

Studio Verticol versteht sich nicht als Modulverkäuferin, sondern als gestalterische Partnerin im Bauprozess. Frühzeitige Einbindung ist entscheidend, insbesondere für den Dialog mit Behörden. «Wenn Bauherrschaft, Planung, Denkmalpflege und Studio Verticol von Anfang an zusammenkommen, lassen sich viele Konflikte lösen», so Egloff. Zwar seien die Module bisher teurer als schwarze Standardlösungen, würden sich preislich jedoch auf dem Niveau anderer einfarbiger Systeme bewegen.

Die Gesichter hinter Studio Verticol (v.l.): Florence Schöb, Clara Sollberger, Brigitt Egloff und Tina Moor (Bilder: zvg)

 

Emmen als sichtbarer Innovationsstandort
Dass sich die Innovation gerade in Emmen entwickelt hat, wirkt beinahe folgerichtig. Die Gemeinde blickt auf eine lange industrielle Textilgeschichte zurück – ein kreativer Nährboden, auf dem sich Design, Technologie, Bildung und Forschung ideal verbinden lassen. «Wir sind Teil einer lebendigen Gemeinde. Dass wir unseren Firmensitz hier in Emmen haben dürfen, ist eine grosse Chance», so Moor.

Auf den Dächern der Viscosistadt mit ihren vielseitigen Werkplätzen und der Hochschule wird bereits heute viel Solarenergie produziert. Neue Ideen treffen hier unmittelbar auf gebaute Realität. Genau in diesem Umfeld trifft die Theorie den Nerv der Zeit und wird ein weiteres Mal konkret.

Im Rahmen eines Unterrichtsmoduls entwickelten Studentinnen Anwendungsideen für das «Solar Design Tool». Mit so grosser Überzeugungskraft, dass die Geschäftsleitung der Viscosistadt beschloss, eine der Ideen direkt umzusetzen. Auf dem Bau 742 wird im Februar 2026 eine Solaranlage an die Fassade montiert, die das textile Erbe des Standorts aufgreift. Riesige Fäden und Punkte symbolisieren das synthetische Monofilament aus Granulat. Selbst ohne Kenntnis der Hintergründe wird deutlich, wie eindrucksvoll die Umsetzung wirkt.

Für Emmen bedeutet die Entwicklung einen weiteren Schritt als Wirtschafts- und Forschungsstandort. Es zeigt, wie aus interdisziplinärem Denken marktfähige Innovation entstehen kann. Oder, wie Tina Moor es formuliert: «Design ist keine Behübschung am Schluss. Wenn es von Anfang an mit der Technologie zusammengedacht wird, entsteht etwas wirklich Neues.»

Zwei Frauen schauen von einer Treppe aus auf farbige Solarpanels an der Wand.
Brigitt Egloff (links) und Tina Moor blicken zur Demowand ihrer farbigen Solarmodule in der Viscosistadt. (Bild: zvg)