Gemeinde Emmen
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Es ist Sommer 1974. Fussball-Weltmeisterschaft in Westdeutschland. Zwei Familien aus Emmen verbringen Ferien im Tessin – die Männer spielen mit Einheimischen Fussball. «Du bist ein Raubein, wie Causio!» tönt es von der Spielewiese. 52 Jahre später steht Causio im Theatersaal des Schulhauses Gersag und liest vor mehr als hundert Gästen aus seinem ersten Roman. Die langen, lockigen Haare, mit denen er auch optisch etwas an den damaligen italienischen Fussballprofi Franco Causio erinnerte, sind inzwischen kürzer und silbern. Der Künstlername ist bis heute geblieben. Dass so viele Interessierte der Einladung zur Lesung, organisiert von der Gemeindebibliothek Emmen, gefolgt sind, zeugt von Causios Wirken und Engagement im künstlerischen und kulturellen Bereich über viele Jahrzehnte.
Noch in den Ferien unterschreibt der damals 25-jährige Werner Richli erstmals eine Skizze mit dem Künstlernamen – weil jemand sagte, das sei ein echter Causio. Diesen Namen behält er bis heute. Dabei beschränkt sich Causio längst nicht mehr aufs Zeichnen. Sein Atelier füllt sich mit Bildern, Skulpturen, Masken, Fotografien, Collagen und Songtexten. Ein Jahr lang gestaltet er jeden Tag eine neue Collage aus Zeitungsausschnitten der «Luzerner Zeitung». Er schreibt Lieder, singt, musiziert mit Gitarre und Mundharmonika und entwickelt Ideen, die weit über das klassische Kunstschaffen hinausgehen. «Ich gehe gerne an Grenzen», sagt der 77-Jährige. «Ob ich etwas kann, weiss ich erst, wenn ich es ausprobiert habe.» Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben.
Woher dieser Mut kommt? Richli muss nicht lange überlegen. «Wahrscheinlich von meiner Mutter.» Sie übernahm mit bemerkenswerter Entschlossenheit ein kleines Teppichgeschäft und legte damit den Grundstein für die heutige Richli AG in Emmenbrücke. Später trat Werner Richli selbst ins Familienunternehmen ein. Kreative Lösungen zu suchen, gehörte für ihn auch dort zum Alltag – nur eben nicht auf Leinwand oder Bühne.
Ideen brauchen Mitstreiter
Besonders sichtbar wurde diese Haltung mit der Gründung der Szene Emmen. Ende der 1990er-Jahre erlebt Emmen kulturell schwierige Zeiten. Kulturprojekte scheitern, vielerorts wird der Gemeinde Kulturlosigkeit vorgeworfen. Gleichzeitig bereiten sich Städte und Gemeinden auf den Millenniumwechsel vor – nur in Emmen scheint zum Thema nichts geplant.
«Jetzt erst recht», erinnert sich Werner Richli. Gemeinsam mit sechs Freunden gründet er 1999 die Szene Emmen. Ziel ist es, aussergewöhnliche Kulturanlässe nach Emmen zu bringen. Was als spontane Idee beginnt, entwickelt sich zu einer Institution. Während mehr als zehn Jahren organisiert der Verein Events wie Jazztransfer, Bärteli-Apéro, Heimat 611, Mais im Maisfeld, Zauber im Licht und viele mehr. 2002 wird die Szene Emmen mit dem damaligen Emmer Impulspreis (heute Kulturpreis) ausgezeichnet.
Wenn Richli heute auf diese Zeit zurückblickt, sagt er: «Ich war vielleicht der Motor. Aber ohne meine Freunde wäre nichts davon entstanden. Manchmal kamen andere Ideen dazu, manchmal entwickelten sich Projekte ganz anders, als ich sie ursprünglich gedacht hatte. Aber genau das machte sie besser. Ohne meine Freunde bin ich nichts.»
Dass die Szene Emmen damals so viele Projekte umsetzen konnte, habe auch mit der damaligen Wirtschaftsstruktur zu tun gehabt. «Wir konnten bei Unternehmern vorbeigehen, ihnen eine Idee erklären und wurden finanziell unterstützt. Beziehungen waren entscheidend.» Heute funktioniere Sponsoring anders. Viele Unternehmen entschieden zentral über Fördergelder, lokale Budgets seien kleiner geworden und Stiftungen erhielten unzählige Gesuche. «Heute wäre die Szene Emmen in dieser Form wohl kaum mehr möglich.»
Emmen bietet Raum für Visionen
Dass Kreativität auch Scheitern bedeutet, gehört für Richli selbstverständlich dazu. Mehrfach versucht er, kulturelle Visionen für Emmen zu verwirklichen. So entwickelt er zusammen mit Freunden Ideen für einen neuen Dorfplatz auf der Kühnewiese oder für ein Kulturhaus an der Kleinen Emme. Für den Dorfplatz konnten sie sogar den international bekannten Architekten Mario Botta für eine Projektstudie gewinnen.
Gebaut wird am Ende keines der Projekte. Bereut hat Werner Richli es trotzdem nie. «Vieles ging in die Luft. Aber ich habe es wenigstens versucht.» An seiner Überzeugung hat sich bis heute nichts geändert: Kultur lässt sich nicht einfach von oben verordnen. «Die Gemeinde allein kann keine Kultur machen. Kultur entsteht durch die Bevölkerung.»
Trotz der dauerhaft angespannten Finanzlage habe sich in Emmen in den vergangenen Jahren vieles positiv entwickelt. Die Viscosistadt, der Seetalplatz, begrünte Begegnungsorte oder offene Schulhaus- und Sportanlagen hätten der Gemeinde, «oder eigentlich unserer Stadt», korrigiert er sich, neuen Glanz verliehen. «Man spürt, dass etwas geht. Es entstehen wieder Visionen.»
Mit 77 Jahren ein erster Roman
Nach Skulpturen, Bildern, Musik und zahllosen Kulturprojekten wagte sich Causio an eine neue Ausdrucksform. Auslöser war seine Frau. «Sie meinte, ich solle mal für sie aufschreiben, wie ich mir meine Beerdigung und meinen Lebenslauf vorstelle.» Statt Erinnerungen festzuhalten, beginnt Richli eine fiktive Geschichte über einen Mann, der seinen eigenen Lebenslauf schreibt. «Ich wusste erst gar nicht, dass daraus ein Buch wird.» Doch irgendwann will er selbst wissen, wie die Geschichte weitergeht. Also schreibt er weiter. Fast täglich, während eines Jahres.
Entstanden ist der Roman «Das Erbe des Freundes». Im Zentrum steht der Emmer Unternehmer Benno Kathriner, der nach dem Tod seines besten Freundes mit einem moralisch belastenden Erbe konfrontiert wird. Freundschaft, Loyalität und Gewissensfragen ziehen sich durch den Roman – Themen, die auch Causio selbst beschäftigen. «Die Denkweise von Benno ist oft auch meine.» Das Echo der Leserinnen und Leser überrascht ihn. Viele berichten, sie hätten das Buch kaum mehr aus der Hand legen können. Andere erkennen Emmer Schauplätze oder fühlen sich an reale Personen erinnert, was den Autor freut.
Verwurzelt in Emmen
Obwohl ihn Reisen immer wieder ins Ausland führten, stand für Causio nie zur Diskussion, Emmen dauerhaft zu verlassen. «Ich könnte irgendwo arbeiten. Aber leben möchte ich nur hier.» Die Wurzeln in Emmen seien seine Familie, die Freunde ein Geschenk. Dank ihnen fehle es ihm in Emmen an nichts.
Das beflügle seinen unermüdlichen Gestaltungswillen. Ideen hat der Vater dreier Kinder von jeher viele. Verwirklicht hat er sie selten allein. Ob Szene Emmen, Musik, Kunst oder nun sein erster Roman – entstanden ist alles im Austausch mit Menschen, die ihn begleitet, hinterfragt und unterstützt haben. Und jedes neue Projekt beginnt für ihn mit derselben Überzeugung: ausprobieren, sich selbst entfalten und manchmal Menschen damit begeistern. Oder wie Causio sagt: «Ich wusste nie, ob ich ein Buch schreiben kann. Ich wusste nie, ob ich hundert Skulpturen machen kann. Ich habe es einfach gemacht.»
«Als Emmer erkannte ich viele Schauplätze. Das Ganze faszinierte mich so, dass ich den Roman in einem ‹Schnutz› verschlang.»
«Zwei belastende Erbschaften – eine persönliche Enttäuschung und ein geheimnisvolles materielles Erbe. Fesselnd bis zum Schluss!»
«Spannend, wie sich die verblüffenden und überraschenden Zusammenhänge entwickeln. Das letzte, kriminelle Kapitel hat mich zutiefst berührt.»
| Auch Lust auf den Roman? |
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«Das Erbe des Freundes» ist in der Gemeindebibliothek EmmenExterner Link wird in einem neuen Fenster geöffnet. ausleihbar. Zudem ist der Roman während der Geschäftszeiten bei der Richli AG (Neuenkirchstrasse 18a, Emmenbrücke) erhältlich. Oder mit etwas Glück gewinnen! |