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«Das Gipfelfoto zeigt nur den schönsten Moment»

1. Oktober 2026
Vier junge Männer aus Emmen haben im August 2026 den Mont Blanc bestiegen. Hinter der Tour stehen monatelange Vorbereitung, körperliche und mentale Grenzerfahrungen – und die Erkenntnis, dass sich die erheblichen Gefahren einer Hochtour auch mit guter Vorbereitung nie vollständig kontrollieren lassen.

5.45 Uhr. Über den Alpen geht die Sonne auf, während Neo und Nóri Krienbühl, Andrés Bühlmann und Joel Zemp auf dem Gipfel des Mont Blanc stehen. Viel gesprochen wird nicht. Sie gratulieren und umarmen sich, schicken erste Bilder an ihre Liebsten und geniessen kurz die Stille und den Blick über die umliegenden Gipfel. «Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen», erinnert sich Neo Krienbühl.

Viel Zeit, diesen Moment auszukosten, bleibt den vier allerdings nicht. Nach rund 20 Minuten brechen sie bereits wieder auf. Denn so eindrücklich der Moment ist: Der Gipfel ist erst die Hälfte ihrer Tour – und der anspruchsvolle Abstieg liegt noch vor ihnen.

Vom Wissberg zum Mont Blanc
Es war im Frühjahr 2025, als die Gruppe erstmals gemeinsam in die Berge ging. Bald wurden die Touren länger und anspruchsvoller. Auf dem Wissberg kam erstmals der Mont Blanc ins Spiel, erinnert sich Joel Zemp. «Anfangs war das eher eine verrückte Idee als ein ernster Plan.»

Anfang 2026 wurde aus der Idee ein konkretes Vorhaben. Für die gängigste Route brauchten sie einen Platz im Refuge du Goûter. Als tatsächlich noch ein Slot frei war, buchten sie – sieben Monate blieben für die Vorbereitung. Neben Krafttraining und langen Läufen, teils über 30 oder 40 Kilometer, waren sie so oft wie möglich in den Bergen. Im Schnee übten sie den Umgang mit Steigeisen, Pickel und Seil. Ihren ersten Viertausender, das Breithorn, bestiegen sie im April mit einem Bergführer.

Die intensive Vorbereitung allein macht aus dem Mont Blanc allerdings keine gewöhnliche Bergtour. Die Normalroute gilt als ernsthafte Hochtour und verlangt neben körperlicher Fitness Erfahrung im Hochgebirge, eine ausreichende Akklimatisation sowie den sicheren Umgang mit Steigeisen, Pickel und Seil.

Der Weg zum Gipfel – und wieder zurück
Am 1. August stiegen die vier dann von der Endstation der Tramway du Mont-Blanc zur Goûter-Hütte auf. Noch vor Mittag passierten sie das Grand Couloir, eine wegen Steinschlags besonders heikle Passage der Route, und erreichten über Geröll, Fels und steile Kletterstellen am frühen Nachmittag die Hütte auf rund 3800 Metern.

Erholung fanden sie dort allerdings kaum: Rund 80 Personen teilten sich zwei Schlafräume, die Luft war entsprechend stickig. Kopfschmerzen und wenig Schlaf begleiteten die Stunden bis zum Aufbruch. Um 1 Uhr verliessen alle vier die Hütte und machten sich auf den Weg Richtung Gipfel. Beim Notbiwak auf rund 4350 Metern legten sie nochmals einen kurzen Halt ein.

Danach wurde der Aufstieg zunehmend anstrengend, das Tempo langsamer. Immer wieder glaubten die vier, den Gipfel bereits vor sich zu haben – nur um festzustellen, dass noch ein weiterer Anstieg folgte. «Man hat das Gefühl: Jetzt hast du es geschafft – und dann kommt einfach der nächste Bergspitz», erzählt Neo Krienbühl.

An einer steilen Passage rutschte Neo Krienbühl kurz weg. «Das war ein Schockmoment für alle», erinnert er sich. Spätestens dort wurde ihnen nochmals bewusst, wie wenig sich gewisse Gefahren trotz Vorbereitung beeinflussen lassen. Die Gruppe setzte den Aufstieg anschliessend fort und um 5.45 Uhr stand das Quartett schliesslich ganz oben.

Nach dem kurzen Gipfel-Intermezzo ging es über das Notbiwak zurück zum Refuge du Goûter. Vor ihnen lagen erneut die steilen Fels- und Geröllpassagen – und das Grand Couloir, das nicht ohne Grund als eine der heikelsten Stellen auf der Goûter-Route gilt. Ein Stein traf Neo Krienbühl am Helm, ein weiterer verfehlte Andrés Bühlmann nur knapp. Erst als diese Passage hinter ihnen lag, fiel ein Teil der Anspannung ab und der restliche Abstieg verlief ohne weitere Zwischenfälle.

Zwischen Ehrgeiz und Risiko
So sorgfältig die vier ihre Tour vorbereitet hatten, so gross war auch der Wille, den Gipfel zu erreichen. «Locked-in» nennen sie diesen Zustand: voll fokussiert, mit dem Ziel klar vor Augen. Ein Abbruch sei trotzdem jederzeit möglich gewesen, sagt Joel Zemp. Rückblickend sieht er diese Grenze differenzierter. «Wir können nicht ausschliessen, dass unsere Hemmschwelle vor Ort höher war und wir gewisse Gefahren möglicherweise weniger kritisch wahrgenommen haben.»

Auch körperlich hätten sie sich stark gepusht, räumen sie ein – «vielleicht sogar etwas zu stark». Gleichzeitig wurde ihnen unterwegs deutlich, wie real die Risiken trotz aller Vorbereitung blieben. «Man realisiert, dass man sterben kann», sagt Nóri Krienbühl mit Blick auf die Steinschläge und die ausgesetzten Passagen.

«Das Gipfelfoto zeigt nur den schönsten Moment – nicht den Weg dorthin», ergänzt Zemp. Für Andrés Bühlmann steht deshalb fest: «Man darf die Berge niemals unterschätzen, egal, wie fit oder wie stark man ist.»

Gipfelfoto Mont Blanc
Auf dem höchsten Berg der Alpen (v.l.): Die Emmer Nóri Krienbühl, Andrés Bühlmann, Neo Krienbühl und Joel Zemp auf dem Gipfel des Mont Blanc. (Bild: Nóri Krienbühl)